Mittwoch, 17. September 2008

(28) Wenn man nur die hälfte...

Sobald die Sätze etwas länger werden, nie gehörte Vokabeln die Ohren kitzeln, oder sich die Blicke des Gegenüber etwas verfinstern, sind die Chancen gestiegen wieder einmal nichts verstanden zu haben.
Man möge mir doch endlich einen neuen Spitznamen geben, z.B. Der-der-immer-zweimal-fragt, damit sich die Schweden nicht wundern, warum jeder an mich gerichtete Satz mit "Hä?", oder "Was hast du gesagt?" begegnet wird. Aber wahrscheinlich stecken diese Art von Spitznamen schon unterbewusst in "Tyska" drin. In der Tat, egal ob ich das Gesagte verstanden habe, oder nicht, es wird stets ein weiteres Mal nachgefragt, zur Sicherheit. Verstand man schon beim ersten Versuch nichts, versteht man beim Nachfragen mit Glück und Eifer nur die Hälfte.
Nachdem ich mich beim ersten Hockeytraining in typisch deutscher Manier (alles was wir Deutschen machen ist typisch deutsch) in die Mannschaftsaufstellung für ein Trainingsmatch eingeschlichen habe, musste ich natürlich an wichtige Daten wie Zeit und Ort kommen. Frei nach dem Gesetz der Dreistigkeit befragte ich also den Mannschaftschef, der mir auch prompt alles freiwillig und ausführlich erklärte. Selbst bei meiner Frage "Was hast du gesagt?" erklärte er mir dasselbe ein weiteres Mal. So weit, so gut: Samstag, 14 Uhr, Kirsebergs Sporthalle, Trikot brauche ich keines, los geht's. Nachdem ich bis zum Samstag alle die ich irgendwie kannte zum Spiel eingeladen hatte und mit so wenig Gepäck wie möglich zur Sporthalle gefahren bin, nagten die ersten Zweifel: Die Sporthalle war überfüllt mit Kindern, Jugendlichen, Junggebliebenen, Mittelalten, Älteren und Großeltern; davon hatten zwei Drittel einen Hockeyschläger in der Hand und schossen mutig vor sich hin, auf Torwände, Torhüter, Schussgeschwindigkeitsmessanlagen, Publikum. Als ich mich nun vergewissert habe, dass nicht nur die Sechsjährigen schneller schießen als ich, sondern auch die Großeltern, begann ich mit der Suche nach einer neuen Sportart. Glück gehabt, gerade in diesem Augenblick betrat die dänische Hockeynationalmannschaft die Halle, und gleich dahinter auch bekannte Gesichter meines neuen Teams, die mir auf zweimal Fragen auch erklärten, dass wir in Österlen spielen und dies hier nur der Treffpunkt wäre.
Langsam begriff ich, dass ich wieder einmal nur die Hälfte verstanden hatte und nahm nun die Welt wieder mit anderen Augen wahr. Und siehe da, beim Aufwärmen des anderen Malmöer Hockeyclubs begegneten mir doch viele, viele Gesichter aus dem damaligen Probetraining. In diesem Augenblick verstand ich sofort, warum sie mich nicht haben wollten. Zwar verloren sie das Freundschaftsspiel gegen Dänemark mit 3:8, aber Dänemark ist ja auch im A-Pool der Weltmeisterschaft vertreten. Unser eigenes Testspiel verloren wir leider auch mit 9:12; wenigstens konnte ich meinen Mannschaftskollegen praktisch davon überzeugen, dass ich nicht als Verteidiger spielen möchte. Am fünften Oktober wird es schon etwas härter zur Sache gehen (denn das ist der Startschuss zur neuen Saison), auch wenn bei unserem Freundschaftsspiel schon über dreißig Minuten Strafzeiten ausgesprochen worden sind. Vielleicht habe ich aber auch nur wieder die Hälfte verstanden?

Dienstag, 2. September 2008

(27) Handlungsreisen, zweiter Teil


Der erste Teil meiner HandlungsWeise endete damit, nicht genügend Kraft und Kondition zu haben, um die Strafe des Sisyphos' zu begleichen; die HandlungsReise konnte somit nur in einem Urlaub enden, der erholen, aber zugleich auch trainieren sollte. Kein zweites Mal soll der Stein im ersten Drittel des Berges anfangen sich gegen meine Drückerfähigkeiten zu wehren und das Weiterrollen einzustellen. Nein, nicht noch einmal! Nun soll die Kraft reichen diesen Klotz der Unästhetik auf die andere Seite zu verbannen, so kann sich ein neuer wagemutiger Ins-Nichts-Stürzer finden, der einem Un-Ende die Grenzen versucht aufzuzeigen. Bis dahin wird es aber sicherlich noch ein langanhaltendes Spektakel zwischen rund und kantig geben.
Nach der ersten Aufregung - der Bus kam eine Stunde zu spät - stiegen in Berlin die meisten anderen Aufregungen gleich mit aus (kreischende Kinder, nörgelnde Ehepaare, schnarchende Männer). Auf einmal war es sehr gemütlich, sogar eine Fährenfahrt in der Nacht war inklusive! Einzig und allein das Warten an der Kopenhagener Haltestelle zwischen dreiviertel fünf und dreiviertel acht in der Früh nagte an den Nerven. Der erste Einführungskurs, der für internationale Studenten zum Glück nicht obligatorisch war, musste zwar ohne mich auskommen, konnte aber einen Tag später in Kurzform nachgeholt werden. Zumindest bin ich nun im schwedischen Studentenalltag angekommen, schimpfe über die schwedischen Buchpreise (die in etwa stets das doppelte als in Deutschland kosten), hoffe das mich kein Professor zum Seminarthema befragt, wundere mich über die unmögliche Anzahl an Büchern, die man unbedingt lesen muss, und natürlich über die Klausuren, Seminararbeiten, Referate, etc. die im Wochentakt abverlangt werden. Komplizierte und eng gestaffelte Zeiten scheinen da auf mich einpurzeln zu wollen.
Aber keine Angst, auch im nichtstudentischen Alltag bin ich wieder voll und ganz der Alte. Etwas verwunderliches hat es aber schon, die Fragen der schwedischen Einwohner plötzlich zu verstehen. Hatte man doch das "Entschuldigen sie, aber mein Schwedisch ist nicht so gut" auf den Lippen, muss man nun besten Gewissens die Fragen beantworten. Das große Problem ist dabei gar nicht so sehr das Vokabular, denn die meisten verstehen auch ein falsch flektiertes Verb; die Probleme sind die falschen Erklärungen, die ich ungewollt abgebe. Fragt mich jemand wo die Universitätsbibliothek ist, schicke ich denjenigen zur Stadtbibliothek; werde ich nach dem Weg zum Coop gefragt, schicke ich ihn natürlich zu Willys (beides Lebensmittelversorgungsstationen). Zum Glück wissen die meisten - komischerweise - dass meine Wegbeschreibungen nicht so recht stimmen. In erster Linie geht es mir ja auch um die Sprache und das Gutgemeinte, die Wahrheit ist dabei völlig nebensächlich!
Damit ist nun die zweite Runde eröffnet. Diesmal soll er fallen, der Stein, aber auf die andere Seite!