Freitag, 25. April 2008

(17) Ja, Papa!

Wenn man sich einer Sache ganz besonders sicher zu sein scheint, dann liegt man überdurchschnittlich besonders falsch; dabei kann ich selbst als glanzloses Beispiel dieser Missgeschicke vorgehalten werden.
Kurz nach dem letzten Blogeintrag waren unsere Lebensmittel aufgebraucht, worauf ich mich dazu bereit erklärte kurz vor Ladenschluss das benötigte Kontingent an Proteinen, Kohlehydraten, Vitaminen, Fetten und Mineralien zu organisieren. Wegen der bevorstehenden Hockeyprobetrainingseinheiten packte ich auch noch einige isotonische Getränke dazu (schwach alkoholisiert). An der Kasse angekommen, ahnte ich schon beim Nuschelwort "Leeymschun?" [Legitimation], was nun auf mich zukommen sollte; sicherheitshalber fragte ich nochmal nach. Als nun auch die Warteschlange hinter mir begriff, dass ich kein Schwede bin, erklärten auch sie nochmal - alle durcheinander - was die Verkäuferin sehen möchte. Ja, die Schweden sind in solchen Sachen sehr hilfsbereit, stellen sich aber doch manchmal etwas dropsig an, denn die lieb gemeinten Hilfserklärungen waren alle schwedisch. Aber ich wusste ja bereits worauf es hinauslief und zeigte freundlich meinen Personalausweis. Das erste erstaunt-erschrockene Gesicht galt dem deutschen Personalausweis (wie immer), der zweite erstaunte Blick galt dann dem Geburtsjahr. Womit es sich ganz deutlich in einem Satz sagen lässt: Die Verkäuferin dachte wirklich, ich sei höchstens siebzehn Jahre alt! Als ich nun sofort nach Hause gerannt bin, um meinem Mitbewohner und seiner Freundin die unglaubliche Geschichte zu erzählen, habe ich nicht nur sarkastisches Gelächter geerntet, sondern auch die sehr trockene Antwort bekommen, ich sehe wirklich wie ein siebzehnjähriger Jugendlicher aus. Als Achtzehnjähriger hätte mich das für die nächsten sechs Monate beschäftigt, nach dem letzten Blogeintrag habe ich mich aber mehr gefreut als geärgert.
Seit dieser Geschichte bin ich nun das Kind im Hause, darf nicht mehr so viel Kaffee trinken, nicht mehr so viel rauchen, darf nicht mehr englisch kommunizieren (nur noch deutsch oder schwedisch), muss mich gesünder ernähren, etc. Das ist wirklich anstrengend. Wesentlich anstrengender war aber mein Probetrainingsauftakt für den Malmöer Floorballclub, da ich nach den ersten dreißig Minuten schon keine Kraft mehr hatte und die ganze Zeit nach Ausreden gesucht habe, um das Training so schnell wie möglich zu verlassen. Am Ende habe ich es doch überstanden, mit der Einsicht, dass ich einer der Schlechtesten war. Hoffentlich schaffen es die Jungs mich in der Weise zu bearbeiten, dass ich ähnlich Fähigkeiten mit nach Hause (Dresden) nehmen kann.

Zwei kleine schwedische Besonderheiten sind mir auch wieder aufgefallen:
Bei Türen weiß man nie so recht in welche Richtung der Schlüssel zu drehen ist, denn manchmal öffnen sich die Türen, manchmal verschließen sie sich. Man benötigt als Ausländer immer mehrere Versuche.
Sollten euch einmal Schweden besuchen, dann versteckt eure Butter! Ihr glaubt gar nicht wie man Butter massakrieren und quälen kann; nach dem Buttermassaker wird stets das Messer als Markierung brutal in die Butter gestochen. Grausam!

Dienstag, 22. April 2008

(16) Die eigenen Anderen

Seitdem ich mich in Malmö aufhalte, bemerke ich einen unaufhaltsamen Zeitschwund: das ist ein erstes Indiz des Alterns. Um dieses Anzeichen zu verifizieren, intensivierte ich diesen Morgen die Blicke in den Spiegel und schaute mir den Freund gegenüber genauer an. Ja, Falten waren zwar zu erkennen, dennoch verschwand blitzartig die Wichtigkeit des Alters; mir war aufeinmal bewusst geworden, dass Ich ja gar nicht einzigartig bin. Nein, bewusst-werden ist hier der falsche Ausdruck, besser wäre: mein Bewusstsein hat es emotionalisiert! Worauf ich hinaus möchte ist aber etwas völlig anderes; denn nach der optischen Multiplikation meines eigenen Ichs und der daraus erfolgten Emotionalisierung fand ich mich der Beobachtung mehrerer Fremder, Anderer und Nicht-Ichs ausgeliefert (hinter mir befand sich ein weiterer Spiegel). Warum zum Teufel befinden sich die meisten Spiegel im Bad, gerade der Raum, wo man besonders ungestört sein möchte? Und kommt mir nicht mit wittgenstein'schen Überlegungen, ob ich nun Beobachter oder Beobachteter wäre, denn mein unwohles Gefühl beim Betreten des Bades werden diese Auseinandersetzungen nicht zu verbessern wissen.
Gestern ist in Malmö endlich der Sommer eingebrochen. Leider habe ich niemanden sehen können, der sich in Sommerkleidung auf die Straßen wagte, weshalb ich mich ganz sommerlich-kurz der Stadt präsentierte, in der Hoffnung die Schweden zum Mitmachen zu animieren, was leider nicht funktionierte. Aber so schnell gebe ich mich nicht geschlagen und werde weiter als gutes Sommerbeispiel vorangehen.
Als ausgesprochen mitteilungswürdig empfinde ich auch die Aussprache meines Namens: Pohll. Dabei wird das o ausgesprochen wie in "voll" endet aber mit einem minmalen Hauch zum "a" und wird am Ende noch etwas ver"-h-"t [verhaht]. Das ist besonders dann peinlich, wenn ich schon zum siebten Mal gerufen werde, aber immer noch nicht so recht davon überzeugt bin, dass tatsächlich Ich gemeint wurde. Die anfänglich freundlichen Blicke gehen dann in fragende, dann in zweifelnde, dann in grimmige und zu guter Letzt in überraschte Blicke über. Wenigstens bekommt man dabei eine Kostprobe der mimischen Fähigkeiten seiner Mitmenschen.

Endlich sind mir auch die Zigaretten- und Tabakpreise bekannt geworden, nachdem ich meine deutschen Vorräte vollständig aufgebraucht habe. Dabei erlitt ich meinen allerersten Herzinfarkt (wobei wir wieder beim Alter wären):
  • Zigaretten (versteuert): 4,10€
  • Zigaretten (schwarz) : 2,15€
  • Tabak 40g (versteuert): 13,90€ !!!
  • Tabak 40g (schwarz): 8,10€

Mittwoch, 16. April 2008

(15) Eine Perle noch, ja?

Mein größtes und kompliziertestes Pärlplattan-Werk ist vor wenigen Minuten endlich fertiggestellt, und ich bin auch richtig stolz darauf. Nur zu gern würde ich euch dieses impulsante Kunstwerk vorstellen, doch bleibt euch leider nichts anderes übrig als die Tatsache hinzunehmen, dass ich keine Digitalkamera besitze; und die nötigen finanziellen Mittel ein adäquates Gerät zu beschaffen erst recht nicht. Was ihr aber wissen solltet: Im Pärlplattan-legen sind die Schweden unangefochtene Weltmeister; hier lassen sich sogar einige Pärlplattan-Vereine finden, in denen weniger Kinder als Jugendliche und junge Erwachsene zu finden sind. Gerade diese Jugendlichen und jungen Erwachsenen lassen sich während der (wiederum schwedisch-typischen) Vorglühabende am Wochenende dabei erwischen, wie sie ihre Kreativität reihum freien Lauf lassen und versammelt verschiedene Pärlplattanwerke kreieren. Jaja, anfänglich habe ich auch dieses typische Reifeschmunzeln gezeigt, erst nachdem ich gesehen habe, dass es meine Schweden wirklich ernst meinen, entschloss ich mich dazu, daran teilzunehmen.
So kommt es also nicht selten vor, dass wir das Frühstück oder Abendbrot auf mehrere Stunden ausweiten müssen, da nebenbei die Bügelbilder fertiggestellt werden müssen. Der Perlennachschub für unsere große Produktionsmaschinerie ist heute auch sichergestellt worden, so können unsere allmorgendlichen und -abendlichen Entspannungsphasen fortgesetzt werden (es entspannt wirklich).
In Sachen Jobsuche gibt nach regelrechtem Niederlagenfluch endlich positives zu berichten: Heute ist die erste Ablehnungs-Mail eingetroffen. Ein voller Erfolg, wie ich denke; denn was ist schon schlimmer als ständig ignoriert zu werden? Eine Absage? Ganz bestimmt nicht; jetzt kann ich mir wenigstens sicher sein, dass meine Gesuche überhaupt wahrgenommen werden. Nächste Woche findet auch endlich meine Probetraining für den in pink spielenden Malmö FBC statt. Wie man sieht fängt ganz langsam der erhoffte Alltag an.

Vor wenigen Minuten ist mir gerade das Ergebnis unseres Stadtvereins Malmö FF bekannt geworden, und siehe da, die Jungs können tatsächlich ihre armen Fans mit einem langweiligen Unentschieden verschonen und besiegen Gefle mit 2:0. Na also! Wenn die das können, dann kann ich das auch; nun ist es Zeit Arbeitssiege zu sammeln. Die Schwedische Sprache kommt mir nun auch ein klitzekleines Stück entgegen; nachdem ich stets eine halbe Stunde vor dem Betreten eines Geschäftes einen einzigen Satz einstudiere (um ihn ja nicht zu vermasseln), habe ich zwar noch nie die Rückfragen der Verkäufer verstanden, aber - wie ich vermute - bin immerhin ich verstanden worden. Toll, nicht wahr?

Samstag, 12. April 2008

(14) Zölfrundenkampf

Nachdem ich ganz vergessen hatte, dass heute Freitag ist und demnach alle Schweden die Faszination des Alkoholkonsums zelebrieren, beginne ich nun erst zur Geisterstunde das gelobte Land zu reflektieren.
Vor wenigen Tagen erst fand wohl das ergreifendste Ereignis (m)eines bisherigen schwedischen Lebens statt: Ich begegnete im Netto einer ganzen Palette Dosenbier (24 Dosen) für 5,77€. Dieser unvorstellbare Preis, der noch nicht einmal ein Druckfehler zu sein schien, animierte mich in einer Form ekstatischer Eskalation auf der Stelle handgreiflich zu werden. Selbst die strengen und verwundernden Blicke der schwedischen Einwohner an einem Mittwoch Morgen mit dreizehn Kilogramm Bier durch die Innenstadt Malmös zu marschieren, hatten keinen großen Einfluss auf meine anhaltende Freude.
Auch die sonst typische Bewaffnung im Kampf gegen die Bürokratie scheint in Schweden nicht ganz so notwendig wie in Deutschland; denn ich war weder zur Tages-, Wochen- oder Monatsmitte im Skatteverket, noch hatte ich kompliziertere Gespräche zu führen. Selbst der Erstantrag war vollständig. Einzig und allein das weibliche Machtausübungswerkzeug ließ mir ins Gedächtnis zurückrufen, dass ich es ganz offiziell mit schwedischer Bürokratie zu tun hatte. Der eingeplante Zwölfrundenkampf, den ich mit knappen Punktvorsprung zu gewinnen erhoffte, war im Endeffekt nicht einmal ein Erstrunden-K.O.-Sieg, da ich eigentlich gar keinen Gegner zu bewältigen hatte; deutlicher geschrieben: Mein Gegner hat sich vom Nichtantritt überzeugen lassen. Nächste Woche bekomme ich also meine Personennummer!
Grob gesagt ist alles viel einfacher als es überall geschrieben wird. Einzig und allein die Jobsuche verbietet mir jede Pauschalisierung, denn diese ist unglaublich schwierig - besonders als Fremder, der kein Schwedisch spricht. Da ich nächste Woche aber nun für die nächsten elf, zwölf Monate ein echter Schwede sein darf, werde ich weiter mein Erfolgsrezept des blauäugigen Entgegenlaufens anwenden. Und um nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich ein richtiger Wikinger zu werden, habe ich ganz spontan alle Rasierer und Scheren aus der Wohnung entfernt.

Am allerallermeisten freue ich mich aber schon auf die Liquidierung meiner deutschen Geschichte; bald kann auch ich endlich (schwedische) Flaggen schwingen und die (schwedische) Nationalhymne in voller Lautstärke mitsingen. Und das kurz vor der Eishockey-WM und der Fußball-EM. Ach, wie freu ich mich!

Sonntag, 6. April 2008

(13) Zahnlos

Es gab einmal Zeiten, in denen ich stets versuchte Notfallpläne für eintretende Eventualitäten zu konstruieren. Da die Konstruktionsmechanismen sehr kompliziert und zeitaufwendig waren, verzichtete ich mit zunehmenden Alter auf dieses Angsthasenmachwerk; und das mit Recht, denn die bis ins Detail ausgeschmiedeten Pläne fanden entweder keine Anwendung, da keine Eventualität auftrat, oder waren im Endeffekt zu ungenau, weswegen sie nicht funktionierten. So hieß also die Konklusion, auf diesen Schabernack zu verzichten und Notfällen so entgegenzutreten, wie ich sie schon früher - auch mit Notfallplan - gehandhabt hatte: spontan reagieren oder Mutti anrufen.
Dass mir gerade jetzt, nach nicht einmal zwei Wochen Malmö, eine große Plombe aus den Mund purzeln sollte, hätte auch der beste Notfallplan nicht erahnen können, zumal ich vor Abreise, gewissenhaft wie ich sonst nie bin, einen deutschen Zahnarzt aufsuchte. Ja, warum gehe ich denn nicht einfach zu einem schwedischen Zahnarzt? Ganz einfach: Wie ich gelesen habe, greift keine EU-Versicherung bei schwedischen Zahnärzten - und Zähne sind mit Abstand das Teuerste am ganzen menschlichen Organismus! Es ist auch - zugegeben - nicht die kleinste Plombe, weshalb ich mir sicherlich auch etwas Gejammer seitens der Zahnärzte anhören darf.
Wobei wir gleich wieder bei der Sprachbarriere wären. Meinem guten alter Schopenhauer scheint Malmö so gut zu gefallen, dass ich ihn nur noch sehr selten zu Gesicht bekomme. Warum war auch dieser blöde Wittgenstein nicht mehr zu haben! Die schwedische Sprache hört sich nämlich hier in Skåne - aber auch im schwedischen Fernsehen - sehr seltsam an; hier werden fünfunddreißigzeilige Sätze innerhalb sehr weniger Sekunden ausgesprochen! Wie man das, trotz Vokabelkenntnis, annähernd verstehen soll, bleibt mir noch ein historisch bedingtes Wikingerrätsel.

Sobald in Malmö die ansässige Fußball- oder Eishockeymannschaft spielt, werden alle Busse mit den jeweiligen Fahnen der Vereine bestückt - so verringern sich die Chancen ein Spiel zu verpassen. Passend zu den Spielen gibt es auch Bier in Büchsen, die es bis 3,5% Alkoholgehalt auch in normalen Supermärkten zu kaufen gibt (alles darüber nur im Systembolaget). Hierbei sind die großen Variationsvielfalten im Alkoholgehalt des Bieres herauszuheben. Je mehr Alkohol, desto teurer ist es natürlich: Ein Sixpack 3,5%-Büchsenbier kostet 40 Kronen (4, 27€), ein 2,8%-Sixpack nur noch 20 Kronen (2,14 €).